20.09.2019 21:46

Standpunkt

Handel zwischen Städten

Nur wenige ökonomische Konzepte haben eine ähnlich große Bedeutung für die empirische Wirtschaftsforschung wie die Gravitationsgleichung für internationalen Handel als Standardmodell der quantitativen Außenhandelsforschung. In Analogie zum Newtonschen Gravitationsgesetz postuliert die Gravitationsgleichung für internationalen Handel, dass der Wert eines bilateralen Handelsstroms sich direkt proportional zur Masse der Handelspartner und umgekehrt proportional zur (geografischen) Distanz zwischen besagten Handelspartnern bemisst. Bedingt durch ihren empirischen Erfolg wird die Gravitationsgleichung für Handel mittlerweile nicht mehr nur zur Analyse internationaler Handelsverflechtungen herangezogen, sondern auch als Standardwerkzeug zur Erklärung und Vorhersage bilateraler Handelsströme zwischen Regionen und Städten innerhalb einzelner Länder verwendet.

Von Jun.-Prof. Dr. Jens Wrona (Foto)

Die meisten Handelsmodelle, welche als theoretische Grundlage für die Gravitationsgleichung für internationalen Handel fungieren, gehen davon aus, dass die Verteilung verschiedener Branchen in einem Gebiet exogen ist und somit als nicht veränderlich vorausgesetzt wird. In einer Betrachtung des intranationalen Handels zwischen den wichtigsten Städten Japans zeigen wir, dass sich die räumliche Verteilung verschiedener Branchen endogen ergibt und dabei einem erstmals von Christallers (1933) postulierten Hierarchieprinzip folgt, gemäß welchem alle Branchen, die in einer Stadt mit einer bestimmten Größe zu finden sind, auch in allen Städten von gleichem oder größerem Ausmaß zu finden sein sollten. Als Folge der hierarchischen Branchenverteilung ergibt sich eine systematische Abweichung des zu beobachteten Handelsvolumens vom Standardmodell, wobei insbesondere große, zentral gelegene Städte mehr in ihr Umland liefern als durch eine Gravitationsgleichung für den aggregierten Handel zwischen Städten vorhergesagt wird.

WIE ZENTRALE ORTE DEN HANDEL ZWISCHEN STÄDTEN BEEINFLUSSEN

Um auch dann eine Aussage zu treffen, wenn große Städte sich systematisch in ihrer Branchenvielfalt von kleineren Städten unterscheiden, beziehen wir uns in unserer Analyse auf Christallers (1933) Modell der zentralen Orte, welches von Fujita, Krugman und Mori (1999) erstmals vollumfänglich formalisiert wurde. In besagtem Modell formen Agglomerationskräfte ein hierarchisches Städtesystem, in welchem sich die meisten Branchen in großen, zentral gelegenen Metropolen (sogenannten zentralen Orten) konzentrieren, und in welchem diese zentralen Orte all jene kleineren Städte in ihrem Hinterland mit all denen Gütern versorgen, welche an diesen Standorten nicht produziert werden können, da die jeweilig produzierende Branche dort nicht ansässig ist. Die Industrielandschaft folgt dabei dem von Christaller (1933) postulierten Hierarchieprinzip, gemäß welchem Branchen, deren Güter zu geringen Kosten gehandelt werden können, sich in großen, zentral gelegenen Märkten konzentrieren, während Unternehmen in Branchen, deren Güter nur zu vergleichsweise hohen Kosten gehandelt werden können, sich in unmittelbarer Nähe zu ihren Kunden ansiedeln und somit fast überall zu finden sind.

Die Heterogenität von Branchen bezüglich ihrer Handelskosten und die systematische Standortwahl basierend auf den Unterschieden in eben diesen Handelskosten haben einen unmittelbaren Einfluss auf den Handel zwischen Städten, welchen wir in Abbildung 1 veranschaulichen. Wir unterscheiden Branchen dabei bezüglich der Anzahl der Städte, in welchen sie zu finden sind, und dokumentieren, wie die Wahrscheinlichkeit, dass ein Handelspartner beliefert wird, über längere Handelsdistanzen hinweg abnimmt. Ein Vergleich der Industriekategorien zeigt, dass Unternehmen in Branchen, welche nur in einer begrenzten Anzahl von Städten zu finden sind, mit einer höheren Wahrscheinlichkeit an dere Städte in ihrem Hinterland beliefern als Unternehmen in Branchen, welche quasi überall zu finden sind. Weil zentrale Orte grundsätzlich nicht nur über mehr, sondern insbesondere auch über exportorientiertere Branchen verfügen, erwarten wir, dass die aggregierten Exporte in kleinere Städte innerhalb des Umlands des zentralen Orts größer ausfallen, als in Gravitationsmodellen, welche die Heterogenität entlang der Branchendimension nicht berücksichtigen.

In Abbildung 2 veranschaulichen wir die Essenz des Gravitationsmodells für bilateralen Handel, in dem wir Tokyos Exporte als „zentralsten“ Ort innerhalb Japans durch die (ökonomische) Größe des jeweiligen Handelspartners teilen und die so normalisierten Handelsströme über verschiedene Handelsdistanzen hinweg vergleichen. Wie zu erwarten war, zeigt sich ein starker handelsreduzierender Effekt größerer geografischer Distanzen auf das um Größeneffekte bereinigte Handelsvolumen. Zusätzlich zum handelsreduzierenden Distanzeffekt offenbart sich jedoch auch ein signifikanter Unterschied im Handel mit Städten in Tokyo’s Hinterland (in blau, abgekürzt durch „HC“) und mit Städten im Hinterland anderer zentraler Orte (in rot, abgekürzt durch „OHC“) wie z.B. Osaka. Auch wenn sich die Definition der identifizierten zentralen Orte ändert (rechte vs. linke Abbildung) finden wir stets, dass Tokyo systematisch mehr in sein eigenes Hinterland exportiert – unabhängig von der Distanz zum jeweiligen Handelspartner. In einer Betrachtung, welche neben Tokyo auch alle weiteren zentralen Ort in Japan einschließt, finden wir, dass die aggregierten Exporte zentraler Orte in ihr jeweiliges Hinterland um das Zwei- bis Fünffache höher ausfallen, als die Exporte zwischen beliebigen Handelspartnern, welche bezüglich ihrer Größe und bilateralen Distanz vergleichbar sind.

DISAGGREGATION UND ZERLEGUNG DES HANDELS ZWISCHEN STÄDTEN

Um zu zeigen, dass es sich bei den in aggregierten Gravitationsschätzung gefundenen Handelseffekten für zentrale Ort um ein Artefakt handelt, welches aus einem Aggregationsprozess folgt, der Christallers (1933) Hierarchieprinzip nicht berücksichtigt, wiederholen wir in einem ersten Schritt unsere Analyse auf der Ebene von ca. 200 disaggregierten Branchen ohne einen vergleichbar großen Effekt zentraler Orte auf die Exporte in ihr Hinterland ausmachen zu können.

In einem zweiten Schritt nutzen wir dann das gesamte Potential unserer Mikrodaten zum individuellen Frachtverkehr und zu einzelnen Lieferungen innerhalb Japans um die zuvor ausgemachte Handelsverzerrung für zentrale Orte in ihre verschiedenen Komponenten zu zerlegen. Dabei unterscheiden wir zwischen der Anzahl der exportierenden Branchen pro Städtepaar, der durchschnittlichen Wa-renlieferungen pro Branche, sowie zwischen dem Stückpreis und der Warenmenge pro Warenlieferung. Es zeigt sich, dass die Anzahl der versendenden Branchen als die bei weitem wichtigste Komponente mit einem Erklärungsbeitrag von 42,1 % bis 65,7 % zur Erklärung der außergewöhnlichen Exportleistung zentraler Orte beiträgt. Die Bedeutung der durchschnittlichen Warenlieferungen pro Branche fällt mit einem Erklärungsbeitrag von 2,1 % bis 10,8 % vergleichsweise gering aus, was als starkes Indiz für den zuvor beschriebenen Aggregationsfehler gedeutet werden kann. So lässt sich festhalten, dass große und zentral gelegene Orte deshalb mehr in ihr Hinterland exportieren, weil sie industriell breiter aufgestellt sind und somit die Branche in weniger zentral gelegen Städten entsprechend breit mit Gütern versorgen können.

ZUSAMMENFASSUNG

m Gegensatz zu internationalen Handelsdaten, welche zur Erhebung von Zöllen sehr detailliert gesammelt werden, werden Daten zum Handel zwischen Regionen innerhalb einzelner Länder typischerweise in Form weitaus weniger detaillierter Umfragen erhoben. Schätzungen der Gravitationsgleichung, welche typischerweise auf aggregierten Daten zum intranationalen Handel basieren, sind daher mit einer höheren Wahrscheinlichkeit von bisher noch unbekannten Aggregationsfehlern betroffen. Am illustrativen Beispiel Japans zeigen wir, dass Gravitationsschätzungen basierend auf aggregierten Handelsdaten das Ausmaß der Exporte zentraler Orte für ihr Hinterland systematisch unterschätzen. Auf Grund einer systematischen Branchenhierarchie innerhalb des Städtesystems verfügen große, zentral gelegene Städte über mehr exportorientierte Branchen, welche insbesondere das unmittelbare Umland mit all jenen Gütern versorgen, welche dort auf Grund zu geringer Marktgröße nicht vor Ort produziert werden können. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass Gravitationsschätzungen im zunehmenden Maße zur Vorhersage der Nachfrage bzw. zur Abschätzung der Rentabilität öffentlicher Verkehrsinfrastrukturmaßnahmen genutzt werden, empfehlen wir ein theoretisch konsistentes Schätzverfahren, welches auf möglichst hochauflösenden sektoralen Handelsdaten zurückgreift.

 

Dieser Beitrag wurde auch im DICE Policy Brief veröffentlicht.

DICE PUBLIKATION

Jens Wrona, Tomoya Mori, Inter-city Trade, DICE Discussion Paper No 298.Verfügbar unter: undefinedhttps://ideas.repec.org/p/zbw/dicedp/298.html

Verantwortlich für den Inhalt: E-Mail sendenDICE