20.09.2019 20:47

Standpunkt

Ist weniger mehr? Der Einfluss von Wettbewerb auf die Mobilfunknetzqualität.

Spätestens seit Abschluss der Versteigerung von 5G Frequenzen ist das Thema Netzausbau in aller Munde. Aber welchen Einfluss hat der Wettbewerb auf den Ausbau der Mobilfunknetze? Erstmalig hat eine DICE- Studie diesen Zusammenhang auf Basis von mehr als 500 Millionen Messungen von 48 Netzbetreibern aus 14 europäischen Ländern analysiert.

Von Nicolas Wellmann (Foto)

Unterwegs telefonieren, Emails schreiben, Informationen recherchieren oder Zeitung lesen – die Nutzung von Mobilfunkdiensten ist ein fester Bestandteil des täglichen Lebens sowohl im privaten als auch im geschäftlichen Bereich. All diese Anwendungen setzen eine schnelle und zuverlässige Abdeckung mit Mobilfunknetzen voraus, die außerdem bezahlbar ist.

Mehr als 97 % der EU-Haushalte sind mit LTE-Netzen versorgt. Eine differenziertere Betrachtung ergibt allerdings ein etwas anderes Bild: Ländliche Gebiete sind schlechter abgedeckt, nämlich lediglich zu 89 %. Zudem beschränkt sich die Nachfrage nach Mobilfunkdienstleistungen nicht ausschließlich auf Haushalte, sondern umfasst z. B. ebenso wichtige Verkehrsrouten oder z. B. Gewerbegebiete. Interessanterweise unterscheidet sich die Mobilfunknetzqualität auch zwischen europäischen Ländern wesentlich, was sich nicht allein mit geografischen oder finanziellen Faktoren erklären lässt. So sind skandinavische Länder aber auch osteuropäische Länder trotz geringerer Bevölkerungsdichte bzw. geringerer finanzieller Ressourcen in der Netzabdeckung führend. In Deutschland ist die angebotene Netzqualität dagegen unzureichend. Selbst Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier präferiert bei Telefonaten mit ausländischen Politikern das Festnetz, weil er die deutsche Mobilfunknetzqualität als beschämend empfindet.

Die Vergabe der 5G Frequenzen bietet nicht nur für neue Anbieter die Möglichkeit in den Markt einzusteigen, sondern hat auch die Frequenzausstattung der bestehenden Anbieter von Nicolas Wellmann wesentlich verändert. Vor diesem Hintergrund ist es wichtig zu verstehen, welche Faktoren die angebotene Netzqualität im Mobilfunkmarkt beeinflussen. Seit kurzem wird debattiert, inwieweit ein zu intensiver Preiswettbewerb womöglich die Ursache für eine geringere Mobilfunknetzqualität ist. Des Weiteren wird hinterfragt, wie viele Netzanbieter im Markt optimal sind, um sowohl ein niedriges Preisniveau als auch ausreichende Investitionen in die Mobilfunknetze zu gewährleisten. Vor dem Hintergrund, dass in den meisten europäischen Märkten lediglich drei oder vier Mobilfunknetzbetreiber miteinander konkurrieren, ist das Thema aus wettbewerbspolitischer Sicht spannend. Gleichzeitig hat die Frage, inwiefern höhere Marktkonzentration tatsächlich höhere Investitionen in die Infrastruktur von Mobilfunknetzwerken bewirkt, zuletzt bei verschiedenen Unternehmenszusammenschlüssen eine Rolle gespielt (z. B. Telefónica Germany/E-Plus 2014 in Deutschland, Hutchison 3G Italy/Wind 2016 in Italien oder der aktuell geplante Zusammenschluss zwischen T-Mobile US und Sprint in den USA).

Eine aktuelle DICE-Studie untersucht mit empirischen Methoden, welchen Einfluss verschiedene Parameter der Marktstruktur auf die angebotene Netzqualität haben. Insgesamt wurden dabei mehr als 500 Millionen Beobachtungen von 48 Netzbetreibern aus 14 europäischen Ländern zwischen 2011 und 2016 berücksichtigt. Dafür wurden Daten einer App verwendet, die in regelmäßigen Abständen automatisch die Netzabdeckung ihrer Nutzer in der aktuellen Mobilfunkzelle misst. Für die Untersuchung ist dies ein wesentlicher Vorteil, weil die Ergebnisse damit nicht auf theoretischen Berechnungen der Netzabdeckung basieren, sondern stattdessen auf der tatsächlichen Netzabdeckung im Alltag eines durchschnittlichen Mobilfunknutzers. Auf Basis dieser Daten wurden verschiedene Indikatoren für die Netzqualität berechnet, wie etwa der Anteil der 3G/4G Verbindungen oder der Anteil der Verbindung mit verschiedenen Übertragungsgeschwindigkeiten. Anschließend wurde in einem statistischen Modell untersucht, welchen Einfluss verschiedene Parameter der Marktstruktur auf verschiedene Indikatoren der Netzqualität haben. Diese Parameter umfassen u.a. die Markteintrittsposition des Mobilfunknetzbetreibers und die Anzahl der Anbieter oder die Konzentration der Marktanteile. Um die Validität der Ergebnisse sicherzustellen, wurde zudem sowohl für eine Reihe ökonomischer und regulatorischer Einflüsse als auch für eine Reihe länderspezifischer und zeitlicher Effekte in dem statistischen Modell kontrolliert.

Die Ergebnisse der Untersuchung deuten darauf hin, dass eine Reduktion der Netzanbieter tatsächlich einen positiven Einfluss auf die angebotene Mobilfunknetzqualität hat. Dies bestätigt die Ergebnisse vorheriger Untersuchungen, die einen Anstieg der Investitionen nach einer Reduktion der Anzahl der Mobilfunknetzanbieter feststellen konnten. Allerdings deuten die Ergebnisse der Studie auch daraufhin, dass der Anstieg der Netzqualität weniger stark ist, als der in vorherigen Studien gefundene Anstieg der Investitionen. Dies kann darauf zurückgeführt werden, dass Investitionen bei einer geringen Anzahl von Mobilfunknetzanbietern auch mit einer geringen allokativen Effizienz einhergehen. Welche Bedingungen dazu im Einzelnen erfüllt sein müssen, damit eine Verringerung der Netzanbieter die Netzqualität erhöht, muss allerdings noch weiter erforscht werden.

Ein weiteres interessantes Ergebnis der Untersuchung ist, dass Späteinsteigerhäufiger eine Verbindung mit 3G oder 4G bzw. einer bestimmten Mindestgeschwindigkeit aufweisen. Dieses Ergebnis mag zunächst verwunderlich erscheinen, lässt sich tatsächlich aber gut erklären: Späteinsteiger haben einen besonderen Anreiz Kunden zu akquirieren, um ihr Mobilfunknetz schnell kostendeckend betreiben zu können. Neben einer attraktiven Preispolitik kann dies auch eine gute Netzabdeckung umfassen. Darüber hinaus haben Späteinsteiger beim Markteintritt den Vorteil direkt in aktuelle Mobilfunktechnologie investieren zu können. So ist z. B. Hutchison 3 direkt mit der damals aktuellen 3G Technologie in verschiedene europäische Länder eingestiegen und hat dies auch mit seinem Firmennamen aktiv beworben. Der Direkteinstieg erspart Späteinsteigern nicht nur den Kostenaufwand, neue Mobilfunktechnologie in bestehende Mobilfunknetze zu integrieren, sondern ermöglicht es auch direkt von Kostensenkungen aufgrund der schnellen Weiterentwicklung der Informations- und Kommunikationstechnologie zu profitieren. Zudem sind Späteinsteiger im Mobilfunkmarkt nicht zwangsläufig kleine Unternehmen mit knappen Ressourcen, sondern gehören auch häufig zu großen multinationalen Unternehmen. Schließlich kann in der Studie auch beobachtet werden, dass etablierte Anbieter höhere maximale Geschwindigkeiten anbieten als Späteinsteiger. Dies legt nahe, dass etablierte Anbieter bestehende Mobilfunktechnologien länger verwenden, um die hohen Investitionskosten auszugleichen.

Auch wenn die Ergebnisse der Untersuchung grundsätzlich darauf hindeuten, dass eine Reduktion der Mobilfunknetzbetreiber unter gewissen Umständen die Netzqualität erhöht, so stützt dies jedoch nicht die Schaffung sogenannter „Europäischer Champions“. Nach der fehlgeschlagenen Fusion von Siemens und Alstrom wurden Forderungen in der Politik laut, durch Änderungen im Kartellrecht die Schaffung europäischer Großunternehmen zu ermöglichen und somit amerikanischen und chinesischen Konkurrenten besser konkurrieren zu können. Diese Forderung wurde auch für den Mobilfunkmarkt diskutiert. Tatsächlich wird anhand des Mobilfunkmarktes aber relativ schnell die Problematik des Vorschlags deutlich. Eine Reduktion der Anbieter kann die Netzqualität erhöhen, geht jedoch in der Regel auch mit Preiserhöhungen einher. Diese Effekte müssen bei einer Reduktion der Anbieter gegeneinander abgewogen werden. Die Schaffung europäischer Champions im Mobilfunkmarkt birgt die Gefahr, dass der globale Wettbewerbsdruck nicht ausreichend ist, um Investitionen in das europäische Mobilfunknetz zu erhöhen. Mobilfunkdienstleistungen werden in einer Vielzahl von Unternehmen in der EU verwendet. Eventuelle Wettbewerbsdefizite im europäischen Mobilfunkmarkt stellen somit für all diese Unternehmen einen erheblichen Nachteil im globalen Wettbewerb dar. Eine Reduktion der Anbieter im Mobilfunksektor muss somit genau von Wettbewerbs- und Regulierungsbehörden geprüft werden, um weiterhin wirksamen Wettbewerb im Mobilfunkmarkt zu gewährleisten.

 

Dieser Beitrag wurde auch im DICE Policy Brief veröffentlicht.

DICE PUBLIKATION

Nicolas Wellmann, Hello...Are You Still There? An Empirical Analysis How Market Structure Affects the Quality of Mobile Networks (March 21, 2019). Verfügbar unter: undefinedhttps://ssrn.com/abstract=3142159.

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