20.09.2019 21:29

Standpunkt

Kind und Karriere: Haben es Akademikerinnen schwerer?

Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf gleicht nichtselten der Quadratur des Kreises. Dies gilt insbesondere für Akademikerinnen: Ein Studium führt dazu, dass Frauen insgesamt weniger Kinder bekommen und einige sich ganz gegen Kinder entscheiden. Nur eine Bildungspolitik, die diese indirekten Folgen des Studiums berücksichtigt, kann eine größere Bildungsteilhabe ermöglichen, ohne den demographischen Wandel zu verstärken.

Von Dr. Daniel Kamhöfer (Foto)

You can’t always get what you want. Mick Jagger, ein ehemaliger Student der Volkswirtschaftslehre und späterer Frontmann der Rolling Stones, wusste es schon vor rund 50 Jahren: Man kann nicht immer alles haben! Aber gilt dies auch für Familie und Beruf? Die Schwierigkeit junger Paare, Familie und Beruf in Einklang zu bringen, ist hinreichend dokumentiert und im Fokus der medialen und politischen Debatte. Nicht ganz so prominent ist ein verwandtes Problem: Zwar möchte die Politik Familie und Beruf vereinbar machen, sie möchte aber auch, dass immer mehr Menschen studieren – und das scheint vor allem eine berufliche Laufbahn zu begünstigen, wohingegen die Schere zwischen Kind und Karriere vergrößert wird. Um diese These zu untersuchen, sind wir der Frage nachgegangen, ob ein Hochschulstudium dazu führt, dass Frauen weniger Kinder bekommen.

Intuitiv ist die Sache klar: Wenn ein Studium das zukünftige Einkommen nach Verlassen der Universität erhöht, müssen Akademikerinnen auf mehr Einkommen verzichten, wenn sie aufgrund des Nachwuchses weniger arbeiten. Dies könnte dazu führen, dass einige Frauen keine oder weniger Kinder bekommen. Zwar ist eine solche Wirkungsweise auch für Männer mit Studienabschluss denkbar, statistisch gesehen sind es aber nach wie vor vornehmlich Frauen, die nach der Geburt eines Kindes zu Hause bleiben. Eine Politik, die einzig darauf gerichtet ist, dass mehr Menschen studieren, könnte somit die unbeabsichtigte Nebenwirkung haben, dass die Geburtenzahlen in Deutschland weiter zurückgehen. Vergleicht man die Entwicklung der durchschnittlichen Anzahl an Kindern pro Frau mit dem Anteil von Frauen mit Hochschulbildung pro Geburtskohorte, scheint sich, wie in der Abbildung 1, der negative Zusammenhang von Bildungsteilhabe und Familiengröße zu bestätigen. Haben von den Frauen, die in den 1940er Jahren geboren wurden, weniger als 5 % einen Hochschulabschluss, waren es eine Generation später bereits über 30 %. Im gleichen Zeitraum sank die durchschnittliche Anzahl der Kinder von 1,9 Kinder pro Frau auf unter 1,5. Zur Einordnung: Um den Bevölkerungsrückgang – und damit den demographischen Wandel – zu stoppen, braucht es etwa 2,1 Kinder pro Frau.

Allerdings wäre es voreilig von diesen landesweiten Trends auf eine zugrundeliegende Ursache-Wirkungs-Beziehung zu schließen. Manche Frauen entscheiden sich vielleicht aktiv für ein Studium, da sie keine Kinder möchten. Um dieses Problem der „Selbstselektion“ zu umgehen, vergleichen wir nur die Anzahl der Kinder von Frauen mit und ohne Studium, die vom Ausbau der Hochschullandschaft betroffen waren. Zwar hat sich die Anzahl der Universitäten in West-Deutschland zwischen 1960 und 1990 insgesamt verdoppelt, allerdings gab es regionale Unterschiede, wann Universitäten eröffnet wurden. Während einige Frauen (und Männer) zwar gerne studiert hätten, war das oftmals nicht ohne weiteres möglich, wenn in ihrer Region erst spät eine Universität eröffnet hat. Wer z B. aus finanziellen Gründen nicht in eine Universitätsstadt ziehen bzw. pendeln konnte oder wollte, hatte nicht die Möglichkeit zu studieren. Personen in Regionen, in denen frühzeitig eine Universität eröffnet hat, war dies hingegen möglich. Sofern der Zeitpunkt der Universitätsöffnung unabhängig vom Kinderwunsch der Frauen in diesen Regionen ist – unsere Daten weisen darauf hin – ermöglicht uns dieser regionale Vergleich, die unverzerrte Wirkung des Studiums auf die Anzahl an Kindern zu messen.

Die so ermittelte Ursache-Wirkungs-Beziehung zeigt, dass der Trend in den Geburten zumindest teilweise auf den Trend in der Bildungsteilhabe zurückzuführen ist. Ein Studium verringert die Anzahl der Kinder im Durchschnitt um 0,3. Ein Großteil dieses Effektes geht darauf zurück, dass sich einige Frauen aufgrund des Studiums ganz gegen Kinder entscheiden: Das Studium reduziert die Wahrscheinlichkeit Mutter zu werden um etwa 25 %. Wenn Frauen hingegen trotz des Studiums Kinder bekommen, entscheiden sie sich durchschnittlich nicht für weniger Kinder, sondern sogar für mehr Kinder als Mütter, die nicht studiert haben. Dieses Ergebnis legt nahe, dass sich viele Akademikerinnen tatsächlich einer Art Entweder-Oder-Entscheidung gegenübersehen: Entscheiden sie sich für Kinder und schlagen eine weniger ambitionierte Karriere ein (was ihnen dann wiederum weitere Kinder ermöglicht) oder verzichten sie zu Gunsten ihres Berufslebens auf Kinder.

Bildungspolitische Maßnahmen, die die Vereinbarkeit von Familie und Beruf außer Acht lassen, drohen familienpolitische Ziele zu torpedieren. Die gute Nachricht: Der Gesetzgeber hat Möglichkeiten dem entgegenzuwirken! Ein Beispiel dafür ist die Reform des Elterngelds im Jahr 2007. Das vor der Reform existierende Erziehungsgeld war unabhängig vom Einkommen der Mutter. Da Akademikerinnen in der Regel mehr verdienen als Nicht-Akademikerinnen, war ihre Einkommenskompensation durch das Erziehungsgeld anteilig geringer. Mit der Reform 2007 wurde das einkommensunabhängige Erziehungsgeld durch das einkommensabhängige Elterngeld ersetzt. Elternteile, die zu Hause bleiben, erhalten dadurch (bis hin zu einer Obergrenze) etwa zwei Drittel ihres letzten Einkommens für eine Dauer von bis zu 12 Monaten. Während sich für Geringverdiener durch die Reform praktisch nichts geändert hat, wurde die finanzielle Einbuße des Kinderkriegens insbesondere für Familien mit mittleren bis hohen Einkommen reduziert. Tatsächlich lässt sich nachweisen, dass Akademikerinnen mehr Kinder bekommen als vor der Reform.Wie dieses Beispiel zeigt, gibt es Maßnahmen, mit denen sich größere Bildungsteilhabe und mehr Kinder vereinbaren lassen. Staatliche Förderprogramme mit dem Ziel, den Anteil junger Menschen mit Hochschulabschluss zu erhöhen, sollten dringend von Maßnahmen zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf flankiert werden.

Andere Maßnahmen, die gezielt die Vereinbarkeit von Familie und Beruf von Frauen mit Hochschulbildung fördern, sind beispielsweise die Flexibilisierung von Arbeitszeiten und der Ausbau von Homeoffice-Möglichkeiten. Eine evidenzbasierte Familienpolitik kann einen wichtigen Beitrag dazu leisten, die Vereinbarkeit von Kind und Karriere auch und insbesondere für Akademikerinnen zu erleichtern. Oder um es mit den Worten von Mick Jagger zu sagen: You can’t always get what you want, but if you try sometimes well you might find, you get what you need.

 

Dieser Beitrag wurde auch im DICE Policy Brief veröffentlicht.

DICE PUBLIKATION

Daniel Kamhöfer, Mathias Westphal, Fertility Effects of College Education: Evidence from the German Educational Expansion, DICE Discussion Paper No 316. Verfügbar unter: undefinedhttps://ideas.repec.org/p/zbw/dicedp/316.html

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