29.01.19 14:15

Standpunkt

Sharing Economy im Wirtschaftsraum Deutschland

Die Sharing Economy in Deutschland wächst. Das birgt nicht nur Chancen, sondern auch Risiken. Im Auftrag des BMWi hat eine DICE Consult Studie die empirische Bedeutung der Sharing Economy in den Bereichen Mobilität, Alltagsgegenstände und Unterkunft untersucht. Zusätzlich wurde geprüft, ob im Unterkunftssektor der Sharing Economy Regulierungslücken bestehen und welche Handlungsoptionen es gibt.

Von Dr. Ina Loebert undefined(DICE-Consult)

Das Teilen von z. B. Autos, Immobilien oder Kleidung liegt im Trend. Auch wenn es sich bei gemeinsamer Nutzung von Ressourcen nicht grundsätzlich um ein neues Phänomen handelt, hat das Interesse an Sharing Economy im Zuge der Digitalisierung und dem Aufkommen von Vermittlungsplattformen enorm zugenommen. Damit birgt Sharing Economy für die deutsche Wirtschaft sowohl Chancen, wie z.B. die Begünstigung von Wirtschaftswachstum, Wachstumsimpulse, Verbrauchervorteile und neue Arbeitsplätze, als auch Risiken, da sie oft weniger umfassend reguliert ist als die tradierten Wirtschaftszweige oder es schwieriger ist, die bestehenden Regelungen durchzusetzen.

Vor diesem Hintergrund wurden im Rahmen der vom BMWi beauftragten Studie verschiedene Ziele verfolgt. Im ersten Teil der undefinedStudie wurde die Bedeutung der Sharing Economy in Deutschland für drei Sektoren – Mobilität, Alltagsgegenstände und Unterkunft – empirisch analysiert und die Entwicklung dieser näher beleuchtet. Im Fokus des zweiten Teils der Studie stand der Unterkunftssektor. Hier wurde in den Bereichen Besteuerung, Verbraucherschutz, Steuerung der Vermietungstätigkeit und Schutz der Stadtbevölkerung zum einen der regulatorische Handlungsbedarf geprüft, zum anderen wurden Handlungsoptionen aufgezeigt.

DIE SEKTOREN MOBILITÄT, ALLTAGSGEGENSTÄNDE UND UNTERKUNFT

Mobilitätssektor: Die größte Bedeutung haben Ridesharing und Carsharing. Der Umfang von Ridesharing ist schwierig exakt zu erfassen. Da die Mitreisemöglichkeiten auf diversen Anzeigeportalen inseriert werden können, ist der Markt relativ unübersichtlich. Ridesharing ist in Deutschland durchaus verbreitet und sowohl im städtischen als auch im ländlichen Raum präsent. Allein die Plattform BlaBlaCar verzeichnete im Mai 2016 über 80.000 Haltepunkte.

Beim Carsharing wird zwischen dem Sharing von Fahrzeugen von Unternehmen (B2C-Carsharing), und dem Sharing von privaten Fahrzeugen (P2P-Carsharing) unterschieden. Gemessen an den zur Verfügung stehenden PKW ist insbesondere ein starkes Wachstum des B2C-Carsharings im städtischen Raum erkennbar: Im Sommer des Jahres 2017 waren circa 37.000 Fahrzeuge verfügbar. Dem standen laut Kraftfahrtbundesamt 45,8 Millionen zugelassene PKW zu Beginn des Jahres 2017 gegenüber.

Alltagsgegenstände: Die Sharing Economy im Sektor Alltagsgegenstände stellt sich sehr heterogen dar. Quantitative Informationen zu den Unternehmen und den Nutzern sind kaum vorhanden. Insgesamt konnten lediglich 30 Unternehmen in diesem Sektor identifiziert werden: Davon waren 18 B2C-Plattformen und 12 P2P-Plattformen.

Unterkunftssektor: In Deutschland ist Airbnb Marktführer im Bereich der entgeltlichen Übernachtungen. Nach Angaben von Airbnb waren auf der Plattform in Deutschland zum 1. Januar 2017 insgesamt 94.700 aktive Inserate geschaltet. Besonders viele aktive Inserate finden sich in Berlin, Bayern und Nordrhein- Westfalen. Neben Airbnb weisen in Deutschland noch Wimdu und 9flats ein nennenswertes Angebot auf.

Der Anteil der auf Airbnb inserierten gesamten Unterkünfte am Wohnungsbestand in den Bundesländern ist sehr gering. Die von Airbnb zur Verfügung gestellten Daten deuten somit darauf hin, dass auf Ebene der Bundesländer nur ein sehr kleiner Teil des gesamten Wohnraumbestands über Airbnb als Ferienunterkunft angeboten wird. Ferner legen die Daten nahe, dass die Mehrzahl der aktiven Inserate klassisches Homesharing darstellen. Hinweise auf professionalisierte, dauerhafte kurzfristige Vermietung in nennenswertem Umfang liegen hingegen nicht vor.

HANDLUNGSOPTIONEN FÜR DIE SHARING ECONOMY IM UNTERKUNFTSSEKTOR

Derzeit weisen die im Rahmen der Studie ausgewerteten Daten und Informationen keinen dringenden Handlungsbedarf für den Unterkunftssektor in den untersuchten Bereichen auf. Da nicht auszuschließen ist, dass Sharing Economy im Unterkunftssektor zukünftig an Bedeutung gewinnen wird, wurden regulatorische Handlungsoptionen entwickelt.

Besteuerung: In Deutschland gelten die Gewerbe- und Umsatzsteuerpflicht grundsätzlich auch für Privatvermieter, sofern sie die Kriterien der jeweiligen Steuergesetze erfüllen. Allerdings dürften diese für die Mehrzahl der Privatvermieter aufgrund der Kleinunternehmerregelung ohne Bedeutung sein. Ganz anders verhält es sich bei kommunalen Tourismusabgaben. Zu ihrer Abführung sind auch Privatvermieter verpflichtet.

Die Durchsetzung der Steuererhebung ist oft schwierig. Abhilfe kann zum einen die Einführung von Schwellenwerten schaffen, die am erzielten Erlös anknüpfen und eine Pauschalbesteuerung ermöglichen. Eine andere Möglichkeit ist es, die Vermittlungsplattformen mit der Einziehung und Abführung zu betrauen. Diese Option ist insbesondere für die Durchsetzung der Tourismusabgaben relevant. Zudem kann schon eine einfache Registrierungspflicht für Vermieter zu mehr Steuerehrlichkeit führen.

Verbraucherschutz: Verbraucherschutz erfordert primär den Abbau von Informationsasymmetrien zwischen Anbietern und Nachfragern von Unterkünften. Diesem Zweck dienen z.B. die verbraucherrechtlichen Informationspflichten von Unternehmen beim Vertragsabschluss im Fernabsatz. Diese greifen jedoch in der Mehrzeit der Vermietungsfälle über Sharing-Plattformen nicht, da bei den Vermietern die Unternehmereigenschaft zu verneinen sein dürfte. Folglich können hier theoretisch Verbraucherschutzlücken entstehen. Evidenz für nennenswerte Verbraucherschutzprobleme existiert jedoch nicht, auch weil die Plattformen über Bewertungssysteme Informationsasymmetrien im eigenen Interesse reduzieren. Angesichts der unterschiedlichen Schutzstandards sollte Verbrauchern jedoch vor der Unterkunftsbuchung offengelegt werden, ob es sich um einen gewerblichen oder einen privaten Anbieter handelt. Zusätzlichen Schutz können auch Versicherungslösungen bieten.

Steuerung der Vermietungstätigkeit: Um der Wohnungsknappheit entgegenzuwirken, können prinzipiell Zweckentfremdungsverbote implementiert werden. Gleichwohl muss der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit gewahrt bleiben. Eine rechtssichere Anwendung wird durch die Einführung von Obergrenzen erleichtert, wenn Vermietern eine bestimmte Obergrenze (z.B. 90 Tage) zugestanden wird, an denen ohne besondere Genehmigung vermietet werden kann. Obwohl eine Reihe von Städten inzwischen Obergrenzen eingeführt hat, ist oft unklar, anhand welcher Maßstäbe diese festgelegt werden. Eine Möglichkeit, diese systematisch zu ermitteln, ist die Bestimmung von Indifferenzwerten. Das sind in diesem Zusammenhang diejenigen Werte, bei denen Vermieter indifferent sind zwischen Lang- und Kurzzeitvermietung. Als mögliche Alternative zu Zweckentfremdungsverboten könnte eine Quotierung des Angebots oder die Einführung des Systems handelbarer Lizenzen erwogen werden. Jedoch sind Systeme dieser Art mit eigenen rechtlichen Problemen und hohen Transaktionskosten verbunden.

Schutz der Stadtbevölkerung: Auch wenn die skizzierten Maßnahmen primär der Steuerung der Kurzzeitvermietung von Privatunterkünften dienen, können sie mögliche Belastungen der Stadtbevölkerung z.B. in Form von Lärmbelästigung durch Touristen begrenzen. Darüber hinaus stehen hier verschiedene andere Instrumente zur Verfügung, die zum einen bei der Sensibilisierung der Gäste und zum anderen bei der Disziplinierung der Gastgeber ansetzen.

Die Herausforderung im Unterkunftssektor der Sharing Economy – sei es im Bereich Besteuerung, Verbraucherschutz, Steuerung der Vermietungstätigkeit oder Schutz der Stadtbevölkerung – bestehen primär in der Durchsetzung der Vorgaben. Dabei könnte die Implementierung einer obligatorischen Registrierungspflicht für Anbieter von Privatunterkünften in Kombination mit der Vergabe einer Identifikationsnummer pro Anbieter und Unterkunft von besonderer Bedeutung sein, da sie die Anonymität der Anbieter gegenüber Behörden aufhebt.

Die Durchsetzung vieler Maßnahmen erfordert zudem die Einbeziehung der Online-Vermittlungsplattformen in die Regulierung, sei es durch Kooperationen mit den Kommunen oder gesetzliche Vorgaben.

FAZIT

Zusammenfassend ist festzustellen, dass die Sharing Economy insgesamt zwar an Bedeutung gewonnen hat, die Nutzerzahl im Vergleich zu den traditionellen Angeboten jedoch nach wie vor gering ist.

 

Dieser Beitrag wurde auch im undefinedDICE Policy Brief veröffentlicht.

DICE PUBLIKATION

Christoph Busch, Vera Demary, Barbara Engels, Justus Haucap, Christiane Kehder, Ina Loebert & Christian Rusche, Sharing Economy in Deutschland: Stellenwert und Regulierungsoptionen für Beherbergungsdienstleistungen, Nomos Verlag: Baden-Baden 2019.

 

 

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